Text des Monats Januar 2018

Der goldene Schlüssel

Ein Märchen

Es war einmal vor vielen Jahren, da lebte ein armer Bauernjunge namens Leonard. Dieser schuftete den ganzen Tag auf dem Felde. Seinem Vater war dies aber nicht genug, so schimpfte er ihn jeden Tag. Leonard war heimlich in die schöne Prinzessin Sofie verliebt. Er wusste, dass sie täglich mit ihrer Kutsche über den Marktplatz fuhr, um ihr Volk zu grüßen. Also schlich er sich eines Tages vom Feld, um die schöne Prinzessin zu sehen.

Auf dem Marktplatz angekommen, versteckte er sich hinter ein paar Fässern, da die Prinzessin ihn nicht in seinen Bauernlumpen sehen sollte. Als Sofie in ihrer prunkvollen Kutsche über den Markt fuhr, verdunkelte sich plötzlich der Himmel. Zwei Drachen erschienen. Sie zogen eine schwarze Kutsche hinter sich her. Erschrocken sprangen die Dorfbewohner zur Seite. Die Drachen landeten die Kutsche direkt vor der Prinzessin und versperrten ihr den Weg. Alle erschraken, als sich die Kutschentür öffnete. Es traten meterhohe Flammen hervor und aus ihnen erschien der Teufel. Seine Hörner auf seinem Kopf waren so spitz wie Schwerter, seine Augen funkelten in einem beängstigenden Schwarz und aus seiner roten Haut loderte Feuer. An den Stellen, wo seine Füße den Boden betraten, blieben eingebrannte Flecken auf dem Boden zurück. Keiner der Dorfbewohner bewegte sich, auch Leonard hinter den Fässern verharrte wie gelähmt. Der Teufel riss die Tür der königlichen Kutsche auf, griff nach der Prinzessin und zog sie heraus. Nun zerrte er sie in sein Teufelsgefährt und trieb die Drachen an davon zu fliegen. Mit einem gewaltigen Feuerstoß erhoben sie sich und flogen von dannen.

Leonard war bestürzt und traurig, als er zu seinem Feld zurückkehrte. Er legte sich trübsinnig hinter einen großen Stein. Dort lag er eine ganze Weile, bis er die schimpfenden Worte eines Trolles vernahm. ´Du unnützes Ding. Ich habe genug von Dir. Deine leeren Worte bringen nichts. Ich werfe dich in den Fluss, dann hab ich meine Ruh.` Gesagt, getan. So beobachtete Leonard, wie der Troll einen Hut ins Wasser warf und wieder verschwand. Leonard rannte zum Fluss, sprang hinein und zog den Hut aus dem kalten Wasser. Im gleichen Augenblick hörte er eine Stimme, die sagte: „Ich danke dir mein Herr. Nun werde ich dich auf deinem Wege begleiten und dir hilfreich sein.“ Erschrocken bemerkte Leonard, dass es der Hut war, der mit ihm sprach. „Du kannst sprechen?“, fragte Leonard. Der Hut antwortete: „Natürlich, ich bin der allwissende Hut.“ Leonard erzählte ihm von der Entführung der Prinzessin und fragte den Hut nach der Lösung seines Problems. Der Hut gab zur Antwort: „Es gibt einen Schlüssel, mit dem kannst du die Prinzessin befreien. Um diesen zu erhalten, musst du drei Aufgaben bewältigen. Dabei werde ich dir helfen.“

Sie machten sich auf und gelangten zum steinernen Berg, der von den Dorfbewohnern gefürchtet war, denn dort lebte ein schreckliches Ungetüm. Dort angekommen erblickte Leonard einen riesigen Drachen, seine Schwingen waren mehrere Häuser hoch und seine Klauen schlugen jeden in die Flucht. Um seinen Hals war ein goldenes Amulett gebunden. Leonard sprang in ein Gebüsch, verbarg sich dort und sprach ängstlich zu dem Hut: „Was soll ich tun?“ Der Hut antwortete ihm: „Du musst ihm das Amulett entreißen!“ Leonard nahm all seinen Mut zusammen und sprang auf den Drachen zu. Dieser wollte sich sofort auf ihn stürzen und folgte ihm. Doch gerade noch rechtzeitig entdeckte Leonard eine Felsspalte und kletterte hinein. Der Drache war für diese zu mächtig und blieb stecken, so konnte Leonard ihm das Amulett entreißen. Leonard befragte den Hut: „Was hat es nun mit dem Amulett auf sich?“ Der Hut erwiderte: „ Das war deine erste Aufgabe. Alles andere wird sich zeigen, wenn die Zeit gekommen ist.“

So zogen sie sich weiter und gelangten zu einem Hafen. Dort lagen viele Schiffe vor Anker. Sie schlichen sich auf eines der Fischerboote, lösten die Leinen und segelten aufs offene Meer hinaus. Vom Wellengang getrieben, schlief Leonard ein. Er erwachte, als er die Stimme des Hutes hörte. Der Hut sagte: „ Hier auf dem Meeresgrund findest du eine riesige Perle. Tauche hinab und hole sie herauf. Sei aber auf der Hut! Sie wird von einer giftigen Meeresschlange namens Scharfzahn bewacht.“ „Wie soll ich sie besiegen?“, gab Leonard ungläubig zur Antwort. Der Hut sprach wiederum: „Das Amulett des Drachen wird dich beschützen.“ Mit den Worten des Hutes ließ sich Leonard ins Wasser hinab. Mit dem Amulett um seinen Hals verwandelte er sich plötzlich in ein Wasserwesen. Er bekam Kiemen, mit denen er unter Wasser atmen konnte. Und er erhielt Flossen, mit denen er schwimmen konnte. So tauchte er zum Grund des Meeres hinab. Dort lag schlafend die Seeschlange Scharfzahn, in ihrer Mitte die schimmernde Perle hütend. Leonard zog sie behutsam heraus, aber im gleichen Augenblick öffnete Scharfzahn ihre Augen. Sie funkelten, wie zwei Diamanten. Leonard schwamm so schnell er konnte zum Boot zurück, die Seeschlange war ihm aber dicht auf den Fersen. Mit letzter Kraft zog er sich an Bord, als auch schon Scharfzahn aus dem Wasser schnellte und das Boot zerschlug. Leonard und der allwissende Hut fielen ins Wasser, als die Seeschlange zum erneuten Angriff ansetzte. Sie verhedderte sich allerdings in der Ankerkette und ging mit dem Boot unter. Leonard griff sich ein herumschwimmendes Treibholz und rettete ebenso den Hut. So trieben sie erschöpft umher, bis sie schließlich ans Meeresufer zusammen mit der Perle gespült wurden. Leonard riss sich das Amulett vom Hals und verwandelte sich zurück. Somit hatte er auch die zweite Aufgabe bewältigt.

Erschöpft schlief er ein. Nach einer Weile wurde Leonard durch ein seltsames Ruckeln jäh aus tiefem Schlaf gerissen. Zu seinem großen Schreck bemerkte er, dass er und der Hut von einem Riesen verschleppt wurden. Dieser Riese hatte sie beide Huckepack genommen und brachte sie zu einer gigantischen Berghöhle, vor deren Eingang zwei weitere einäugige Riesen um ein Feuer saßen. Der Riese band Leonard an einem Baum fest und sperrte den Hut, die Perle und das Amulett in eine Kiste. Dann setzte er sich zu den anderen und sie begannen ausgiebig zu essen und zu trinken. In der Zwischenzeit konnte Leonard die Fesseln lösen und befreite den Hut aus der Kiste. Als die Riesen dies jedoch bemerkten, rannten sie wütend auf sie zu. Der Hut rief: „Schnell, halte die Perle hoch in die Luft!“ Leonard tat, wie ihm gesagt ward. Und zu seinem Erstaunen verwandelte er sich selbst in einen Riesen. Nun war es für ihn kein Problem die anderen Riesen in ihre Berghöhle zu werfen und den Höhleneingang zu versperren. Dann verwandelte sich Leonard abermals zurück. Er nahm das Amulett, das sich noch in der Truhe der Riesen befand, an sich und entdeckte dabei eine vergoldete Pfeilspitze und steckte auch diese ein. Der Hut sprach: „ Das war deine dritte Aufgabe. Und du hast sie mit Erfolg gelöst, lass uns nun die Prinzessin aus den Klauen des Teufels befreien.

Sie gelangten zum Vulkan der Finsternis, wo der Teufel wohnte. Vor ihnen erhob sich ein mächtiges Eisentor mit unzähligen verzerrten Gesichtern. Leonard öffnete es mit einem mulmigen Gefühl und trat hinein. Im Inneren zeigten sich versteinerte Einhörner und Hexen. An den Wänden hingen überall Drachen, die aussahen, als würden sie jederzeit angreifen. Leonard nahm all seinen Mut zusammen und schritt voran. Er betrat einen großen Saal. An der Decke hing ein Käfig, in der sich die Prinzessin befand. Daneben saß der Teufel auf seinem Thron, der über und über aus Knochen bestand. Leonard flüsterte dem Hut zu: „ Hilf mir.“ Der Hut antwortete: „ Die Pfeilspitze ist die Lösung. Benutze sie.“ Leonard zog sie aus seiner Tasche heraus und richtete sie auf den Teufel. In diesem Moment verwandelte sich diese in ein glänzendes Schwert. Der Teufel griff zu seinem Dreizack und es kam zum erbitterndem Kampf. Hin und her gingen die Schläge der beiden, bis letztendlich Leonard den Teufel tödlich verletzte. Leonard sank erschöpft zu Boden und der Hut sagte: „Jetzt ist es Zeit die Prinzessin zu befreien.“ „Aber wie?“, entgegnete Leonard. Der Hut antwortete: „Du hast bei deinen 3 Aufgaben jeweils eine Geschenk erhalten, benutze sie.“ Leonard tat, wie ihm der Hut geheißen und zog das Amulett und die Perle aus seinem Gewand. Dazu hob er die zurückverwandelte Pfeilspitze vom Boden des Saales auf. Wie von Zauberhand wurde der Raum von einem grellen, hellen Licht durchflutet. Die 3 Gaben erhoben sich und verbanden sich zu einem goldenen Schlüssel, der den Käfig der Prinzessin öffnete. Nun war sie frei.

Sie kehrten zum Schloss der Prinzessin zurück, wo der König aus lauter Dankbarkeit Leonard die Prinzessin zur Frau gab. Ebenso schenkte er ihm das halbe Königreich. Sie lebten fortan glücklich und bekamen viele Kinder. Leonard regierte weise, den Hut immer an seiner Seite. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

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