Von Fledermäusen und Menschen, Mücken und Vampiren: Beiß mich!
Eine Eigenproduktion des Unter- und Mittelstufentheaters
Eigentlich hatten wir vorgehabt, dieses Jahr einen richtigen Krimi zu spielen: britisch-verschrobenes Rüschenkissenspitzendeckchenblümchentapetenteaandsconesflair, ein Whodunnit á la Agatha Christie oder Sir Arthur Conan Doyle. Wegen der Einführung des G8 waren für dieses Jahr deutlich weniger Anmeldungen für die Theatergruppe erwartet worden als in den vorange-gangenen Jahren. Die Inszenierung eines Krimis mit einer begrenzten Personenzahl schien sich also anzubieten. Daher suchte ich in den Sommerferien eine Reihe in Frage kommender Stücke aus und wartete ungeduldig auf den Beginn der Proben. Als zu Schuljahresbeginn die Anmeldungen zur Theatergruppe dann doch wider Erwarten in gewohnt hoher Zahl (mit Ausnahme der stark unterrepräsentierten sechsten Klassen) eintrafen, wurde sehr schnell klar, dass der ursprüngliche Plan aufgegeben werden musste. Ein klassischer Krimi wird mit rund vierzig Schauspielern auf der Bühne zu einem unlösbaren Verwirrspiel, das dem Zuschauer kaum noch eine Chance lässt mitzuraten.
Die Aufgabe, Rollen in ausreichender Anzahl erfinden und integrieren zu müssen, war nicht neu für die Leiterin des Unterstufentheaters in Erding. Die begrüßenswürdige Spielfreude der Erdinger Schüler/innen hatte mich schon die beiden Jahre zuvor gezwungen, recht kreativ mit Textvorlagen umzugehen, um es allen Teilnehmern/-innen zu ermöglichen Bühnenerfahrung zu sammeln. Anstatt aber wieder das Stück eines Außenstehenden auf die Bedürfnisse unserer Theatergruppe abzustimmen, wollten wir dieses Jahr einen großen Schritt weitergehen: Wir würden unser Stück komplett selbst entwickeln. Übungen aus dem Bereich der Grundlagenarbeit dienten als Anregungen für die Entwicklung der Handlung. Jeder Spieler und jede Spielerin bekam die Aufgabe, einen Charakter zu erfinden, wobei Sprech- und Bewegungsübungen durchgeführt wurden, die es den Teilnehmern erlaubten, ihre Charaktere besser in allen Einzelheiten zu erfassen und darzustellen. Dadurch konnte ein hohes Maß an Authentizität des Spiels erreicht werden. Während der Übungen kristallisierten sich im Zusammentreffen der erfundenen Charaktere einige Themen heraus, die sich verbinden ließen, und eine vorläufige Storyline entstand. Schließlich musste ich aber tun, was auch jeder andere Autor tut. Ich musste mich hinsetzen und schreiben und dabei Entscheidungen darüber treffen, welche der Ideen wir übernehmen würden. Die übernommenen Ideen waren zu verknüpfen und durch eigene neue zu ergänzen, um daraus ein Stück aus einem Guss zu machen, in dem sich die Gruppenmitglieder trotzdem noch wiederfinden konnten. Was dabei herauskam, ist eine Art postmodernes Romeo- und- Julia- Märchen, ohne Balkon zwar, aber mit einer gehörigen Portion Ironie.
Transsilvanien 2005: Traian, Sohn des mächtigsten verbliebenen Vertreters der Spezies Vampyrus gemeinicus Draculensis Transsilvaniae, hat eine seltsam anmutende Affinität für Fledermäuse entwickelt, wobei es ihm eine ganz besonders angetan hat, nämlich Gabriella, die Tochter des Gewerkschaftsführers der Sektion F (Fledermäuse) der IGB (Internationale Gemeinschaft der Blutsauger). Die Fledermäuse wiederum liegen mit den Vampiren im Clinch. Vampire ernähren sich bekanntlich von menschlichem Blut. Da Menschen das nicht gern haben und aufgrund der äußerlichen Ähnlichkeiten zwischen Vampiren und Fledermäusen schlecht unterscheiden können, bekämpfen sie nicht nur die wahren Übeltäter, die Vampire, sondern auch die Fledermäuse. Die einzige Chance, die den beiden verfeindeten Gruppen bleibt, um ihr Überleben zu sichern und den jungen Liebenden ein gemeinsames Leben zu ermöglichen, ist Zusammenarbeit. Diese aber gestaltet sich schwierig, weil einerseits auf beiden Seiten starke Vorurteile gegen die jeweils andere Gruppe bestehen, andererseits aber auch die Mücken, ebenfalls Mitglieder der IGB, es verstehen, den Zwist immer wieder neu zu schüren und ihren Vorteil daraus zu ziehen. Natürlich geht die Geschichte trotz aller Widrigkeiten gut aus. Den Menschen aber bleiben die wahren Zusammenhänge verborgen.
Auch in diesem Jahr hat sich die Zusammenarbeit der Theatergruppe für die Unter- und Mittelstufe mit der Percussion- Gruppe und dem Unterstufenchor als äußerst fruchtbar erwiesen. Wir sind froh, dass wir weder mit gegenseitigen Vorurteilen, noch mit so gemeinen Mückentieren zu kämpfen haben, wie es die Figuren in unserem Stück tun. Im Gegenteil: Wir erfreuen uns der großzügigen Unterstützung durch den Förderverein unserer Schule, der uns auch in diesem Jahr hilfreich unter die Arme gegriffen hat.
Ich bedanke mich bei allen Beteiligten!
Ingrid Kleine-Bradley