Als eine denkwürdige Veranstaltung entwickelte sich die 24. Herbstautorenlesung zu der die Landkreisbibliothek Erding in die Aula des Anne-Frank-Gymnasiums eingeladen hatte.
Die Berliner Regisseurin und Autorin Christiane Neudecker las zwei Erzählungen aus Ihrem neuen Band „Das siamesische Klavier“ und drei SchülerInnen des vor Kurzem neu gegründeten Literaturcafes der Schule stellten szenisch Texte vor, die sie zusammen mit ihrem Lehrer Thomas Grasy für den literarischen Abend ausgesucht hatten.
Dass der Erzählband von Christiane Neudecker zu recht mit „Unheimliche Geschichten“ untertitelt ist, merkten die Zuhörer schon bei der ersten Geschichte „Ein Geräusch so hässlich, so ein hässliches Geräusch“, indem minutiös aus der Innenschau eines Boxers ein Wrestling-Kampf geschildert wird. Der Leser erfährt dabei nie mehr, als das, was unmittelbar passiert.
Die Vortragende und das Publikum waren dadurch gewissermaßen eingesperrt in die Perspektive des Boxers. Dadurch baute sich eine enorme Spannung auf, die durch den guten Vortrag der Autorin noch verstärkt wurde, bis am Ende die ganze Aula schockiert einige Sekunden in Stille verharrte, als der Kampf ein unerwartetes und böses Ende nimmt.
Im zweiten Teil des Abends stieg dann der Erdinger Musiker und Filmmusikstudent Johannes Rothenaicher mit in die Lesung ein, als Christiane Neudecker die Titelgeschichte vortrug, in der es um den seltsamen Fund eines „Siamesischen Klaviers“ im Dschungel Südamerikas, das zwei Klaviaturen an einem Resonanzkörper trägt, geht. Im Mittelpunkt der Erzählung steht das Premierenkonzert, in dem extra für das Klavier im Regenwald errichteten Konzerthaus, indem die Klaviertranskription von Franz Liszt der 9. Symphonie Ludwig van Beethovens zur Aufführung kommt. Dabei geschehen sehr skurrile Dinge.
Nachdem Johannes Rothenaicher die Erzählung zweimal improvisorisch am Flügel unterbrach, näherten sich Text und Vortrag der Autorin und das Spiel Rothenaichers plötzlich derart an, dass die restlichen 15 Minuten von beiden gleichzeitig bestritten wurden.
Das Publikum lauschte verzückt und atemlos dem kongenialen Zusammenspiel von Wort und Musik und es war anschließend für den Bibliotheksleiter, der den Abend moderierte, nicht leicht die Zuhörer davon zu überzeugen, dass Autorin und Musiker sich vorher tatsächlich nicht kannten und daher auch nicht abgesprochen hatten.
Zwischen den beiden Erzählungen von Christiane Neudecker trug das aus den Schülern Lisa Hartmann, Daniela Tatto und Chris Wahlbohl (das vierte Mitglied Verena Schuffenhauer war leider verhindert) bestehende Literaturcafe des AFG die skurille Kurzgeschichte „Die Falle“ von Robert Gernhardt vor, in der betrügerische studentische Weihnachtsmänner den gutbürgerlichen Alltag einer Berliner Neureichen-Familie stören. Auch mit einer originellen Lyrik-Bearbeitung des Brecht-Gedichtes „Das Nachtlager“, sowie der konträren Gegenüberstellung der braven Welt Goethes in „Wanderers Nachtlied“ mit der rauhen Wirklichkeit des Lebens in Brechts „Von der Freundlichkeit der Welt“ konnten die Schüler des Literaturcafes die gut 100 Zuhörer beeindrucken.
Olaf Eberhard (Landkreisbibliothek)
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