Erding - Der kanadische Journalist Cory Doctorow hat sein neues Buch in einer zweisprachigen Lesung vorgestellt. Das Werk kann man kaufen oder kostenlos im Internet herunterladen.
Wie wehrt man sich gegen einen modernen Überwachungsstaat? Zu diesem Thema hat der kanadische Autor, Internet-Blogger und Journalist Cory Doctorow den Roman „Little Brother“ geschrieben. Auf Einladung der Landkreisbibliothek stellte der 39-Jährige am Dienstagabend seinen Jugend-Cyber-Thriller zweisprachig vor. Er hatte den Übersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn ins Anne-Frank-Gymnasium mitgebracht.
Der Titel verweist auf George Orwells beklemmendes Werk „1984“, in dem „Big Brother“ mit ausgeklügelten Überwachungsstrategien die Macht übernimmt. In Doctorows Geschichte wird San Francisco nach einem Terroranschlag zum Polizeistaat, der die Menschen übers Internet ausspioniert. Im Mittelpunkt des Geschehens steht der 17-jährige Marcus, der sich gegen das totalitäre Regime mit subversiven neuen Medien und mit Hilfe einer Journalistin zur Wehr setzt.
Die spannende Lesung wurde von den Schülerinnen Julia Lissewski und Marina Kinzl vom Korbinian-Aigner-Gymnasium couragiert auf Englisch eingeführt, so dass beide Schulen einbezogen waren. Dann stellte Übersetzer Gutzschhahn „Little Brother“ in deutscher Sprache vor, bevor Doctorow Auszüge aus dem englischen Text las. In der Pause dazwischen war der Autor von Schülern umringt, die ihn in persönliche Gespräche verwickelten und sich ihre Bücher signieren ließen.
Im Anschluss an die Lesung diskutierte Doctorow mit dem jungen Publikum, wie man spannende Texte schreibt, was das Internet und das Bloggen für Möglichkeiten bieten und die Kopie eines Werkes als zeitgemäßes künstlerisches Mittel. Wie alle seine Bücher veröffentlichte Doctorow „Little Brother“ über eine Creative Commens Lizenz, so dass der Roman kostenlos heruntergeladen werden kann. Zudem ist das Buch zu 14,95 Euro im Rowohlt Verlag verschienen.
Nachdem mit Morton Rhue und Kevin Brooks in den letzten Jahren jeweils am Schulanfang ein amerikanischer und ein britischer Autor mit Weltruhm bei uns waren, hat sich das bei den Verlagen herumgesprochen.
Die Folge ist, dass unserer Bibliothek weiterhin englischsprachige Autoren sozusagen „angeboten“ werden und dass dadurch neben Herbstautorenlesung und Kriminacht eine weitere feste „Reihe“ entstanden ist.
So wird gleich zu Schuljahrsbeginn am 21. September 2010 diesmal ein aus Kanada stammender Autor in unserer Aula zu Gast sein. Nämlich Cory Doctorow. Auch er hat – wie Kevin Brooks – eine weltweite Fangemeinde, die er vor allem im Netz durch seine Homepage und mehrere Blogs anspricht.
Er wird in Erding sein letztes Buch, den Jugend-Cyber-Thriller „Little Brother“ vorstellen, indem es um das hochaktuelle Thema „Big Brother“, also Überwachung und Ausspionieren durch das Internet geht. In diesem hochspannenden und sehr rasant erzählten Cyber-Thriller muss sich der 17-jährige Protagonist Marcus mit seinen Hacker-Freunden mit Hilfe subversiver neuer Medien gegen den amerikanischen Staat wehren, der nach einem Terror-anschlag zum diktatorischen Überwachungsstaat mutiert ist.
Doctorow weiß, wovon er schreibt, gehört er laut der bekannten „Forbes-Liste“ doch zu den 25 wichtigsten Personen im Netz!
Das Buch hat weltweit für Furore gesorgt und liegt seit März auch in deutscher Übersetzung (durch den „Brooks“-Übersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn) vor.
Auch die „seriöse“ deutsche Presse ist sehr angetan davon:
Cory Doctorow war Buchhändler und schreibt Science-Fiction-Romane sowie Kolumnen für Make, Information Week, Guardian online und Locus. Er gewann den Campbell Award, dreimal den Locus Award und wurde für den Hugo und den Nebula Award nominiert. Der Autor setzt sich für die Freiheit der Datenverbreitung ein und zählt laut Forbes Magazine zu den 25 wichtigsten Web-Influencers der Welt.
cooler, cleverer und radikaler als der Staat erlaubt!
Beschreibung des Verlags: "Marcus, alias «w1n5t0n», ist 17, smart und
ein begeisterter Gamer. Als Terroristen die Oakland Bay Bridge in San Francisco
in die Luft sprengen, befinden er und seine Freunde sich zur falschen Zeit am
falschen Ort.
Agenten der Sicherheitsbehörde halten sie für verdächtig und verschleppen sie
auf eine geheime Insel, wo sie tagelang verhört, schikaniert und gedemütigt
werden. Als Marcus freikommt, hat sich San Francisco in einen Überwachungsstaat
verwandelt. Jeder Bürger – ein potentieller Terrorist; Menschenrechte –
zweitrangig; Freiheit – ein «Sicherheitsrisiko».
Marcus und seine Freunde können nicht akzeptieren, was geschehen ist – und
beschließen, sich zu wehren. Mit Hilfe subversiver neuer Medien organisieren
sie sich zu einer «Gamer-Guerilla». Ihr Plan: Sabotage der staatlichen
Überwachung. Ihre Waffen: die Zukunftstechnologien. Ihr Ziel: der Sturz der
Regierung."
Terroranschlag in San Francisco. Tausende sterben, als die Oakland Bay
Bridge in die Luft gesprengt wird – für die Heimatschutzbehörde DHS der Anlass,
unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung individuelle Freiheitsrechte
abzuschaffen. Wie viele andere sind Marcus und seine Gamer-Freunde Van, Darryl
und Jolu an diesem fatalen Tag zur falschen Zeit am falschen Ort. Sie werden
verhaftet und nach Treasure Island verschleppt. Dort werden sie tagelang
verhört, schikaniert, gedemütigt. Als sie wieder freikommen, hat sich San
Francisco in eine Zone totaler Überwachung verwandelt. Aber Marcus ist nicht
bereit, zu Kreuze zu kriechen. Mit Hilfe von Xbox und Xnet beginnen er und
seine Mitverschwörer mit der Sabotage der staatlichen Überwachung: «der Mob»
schlägt zurück. Und aus einer stillen Revolte wird ein Flächenbrand ... Cory
Doctorows Thriller Little Brother ist grandioser Lesestoff: ernsthafter,
spannender und intelligenter als all die öden Serienmord-Exzesse, die zwischen zwei
Buchdeckel gepresst werden. Und politischer sowieso.
Die Welt hatte sich für immer verändert
«Ich gehe in die Oberstufe der Cesar Chavez High im sonnigen
Mission-Viertel von San Francisco, und das macht mich zu einem der
meistüberwachten Menschen der Welt. Ich heiße Marcus Yallow, aber zu der Zeit,
als diese Geschichte losging, lief ich unter w1n5ton. Gesprochen‹Winston›.»
Eigentlich hatten sich Marcus und seine Freunde nur treffen wollen, um an einer
neuen Runde von Harajuku Fun Madness teilzunehmen, dem «besten Spiel, das je
erfunden wurde».
Unter dem Decknamen Winston agiert Marcus seit Jahren: in der Gamer
Community, vor allem aber in den Foren, wo er seine Beiträge zu diversen Themen
angewandter Sicherheitsforschung postet, etwa die man die Signalkennung im
Handy deaktiviert, die SchoolBooks («fieseste Spitzeltechnologie») crackt oder
sich unerkannt aus der Schule entfernt, indem man Bewegungsmelder und
Gangerkennung – ein biometrisches Identiizierungssystem – austrickst. Manche
ahnen, dass er ein Hacker der Extraklasse ist, aber Marcus tut alles, um seine
Tarnung abzusichern. Für mache der Coups, die er mit Darryl und den anderen
gedreht hat, könnte man ihn sofort von der Schule schmeißen (und nicht nur das
…).
Die vier sind als Gamer-Team unterwegs, ALS ES PASSIERT – das, was ihr
Leben für immer verändern wird. Zuerst glauben sie, ein schweres Erdbeben wäre
über San Francisco hereingebrochen. Aber es ist kein Erdbeben, sondern eine
gigantische Explosion. Eine riesige Staubwolke verdunkelt den Himmel, schrille
Schreie überall, verängstigte Menschen auf den Straßen, dann die
Lautsprecherdurchsage: «Suchen Sie umgehend Schutzräume auf.» Erst stürzen
Marcus, Jolu, Van und Darryl in die nächstgelegene Station der BART-Schnellbahn
an der Powell Street, ehe sie sich besinnen und gegen den Strom der panisch
Flüchtenden wieder ins Freie drängen.
Kaum auf der Straße, sehen sie, dass Darryl durch einen Messerstich
schwer verletzt wurde. Als sie militärisch aussehende Typen in Overalls um
Hilfe bitten, werden sie zu ihrer Verblüffung verhaftet. Mit schneidend
scharfen Plastikhandschellen geknebelt und groben Säcken über dem Kopf, werden
sie im rasenden Tempo durch die Stadt kutschiert, auf ein Boot geworfen und zu
einem Militärgefängnis auf einer Insel in der Bay Area gebracht. «Und da war
mir klar, dass wir gar nicht Gefangene irgendwelcher Terroristen waren – ich
war ein Gefangener der Vereinigten Staaten.»
«Du kannst keinen Krieg gegen die Regierung der USA führen»
Von nun an wird Marcus ständig verhört, von einer Frau mit strengem
Haarschnitt und eiskalter Aura: Ms. Zirkelschnitt, wie er sie nennt. So
lachhaft es in seinen Ohren klingt, man verdächtigt sie, Teil des
terroristischen Kommandos oder Netzwerks zu sein, das die Bay Bridge in die
Luft gejagt und Hunderte, Tausende Menschen in den Tod riss. «Du wurdest von
der Regierung der Vereinigten Staaten als potenzieller feindlicher Kämpfer in
Gewahrsam genommen.» Niemals hätte sich Marcus vorstellen können, in eine
solche Situation zu kommen. Völlig undenkbar war, unter dem Verhördruck einer
roboterhaften Hardlinerin wie Ms. Zirkelschnitt zusammenbrechen und alles
preiszugeben, was ihm wichtig war: Handy-Passwort, E-Mail-Passwörter,
Serveradresse, Nutzerkennung, alles. Aber genau das passierte ihm.
Als Marcus endlich aus Treasure Island entlassen wird und mit seinen
Eltern ein tränenreiches Wiedersehen feiert, beschließt er, «die Schweine vom
DHS» mit ihrer totalitären Paranoia nicht ungeschoren davonkommen zu lassen.
«‹Ich werde einen Weg finden, sie fertigzumachen›, sagte ich. Es war ein
Schwur.» Aber nicht alle seine Freunde können seinen radikalen Weg mitgehen:
Van nicht und auch Jolu nur ein Stück weit. Darryl ist nicht wieder
aufgetaucht; und auch wenn es niemand ausspricht, glauben sie nicht mehr, ihn
jemals lebend wiederzusehen.
Zurückschlagen – aber wie? In seiner Abwesenheit hat irgendwer seinen
Laptop verwanzt; jede seiner Tastenbewegung wird registriert. «Fast hätte ich
die Wanze rausgenommen. Doch dann begriff ich: Wer immer sie da reingetan
hatte, würde merken, wenn sie weg war. Ich ließ sie drin.» Bald hat Marcus die
geniale Idee: seine Xbox-Spielekonsole. Speziell das alternative Betriebssystem
ParanoidLinux ist wie geschaffen für Dissidenten und Untergrundkommunikation.
«Und das Allerbeste – jedenfalls was mich betraf –, war, dass ParanoidXbox paranoid
war. Alles, der ganze Datenverkehr, wurde zu winzigen Bruchstücken verquirlt.
Man konnte ihn zwar abhören, aber du bekamst nie heraus, wer da sendete, was da
gesendet wurde oder an wen gesendet wurde. Total anonymes Web, total anonymer E-Mail-Verkehr, total anonymes
Messaging. Genau das, was ich rauchte. Das Einzige, was ich jetzt noch
tun musste, war, jeden, den ich kannte, davon zu überzeugen, dass er auch
ParanoidXbox zu benutzen.»
Und so entsteht Xnet, ein Untergrundnetzwerk. Marcus richtet eine
Tarn-Mailadresse bei der schwedischen Piratenpartei ein, weil deren Mailkonten
perfekt gegen Fremdzugriffe gesichert sind. Und etabliert einen neuen
Tarnnamen: M1k3y, sprich: Mikey. Stück für Stück, Zug um Zug chaotisieren die
Xnetter das Leben, den Alltag ihrer Stadt, narren die Homeland Security.
«Terrorist? Ich kann Dschihad nicht mal buchstabieren …»
Bei einer mitternächtlichen subversiven Zusammenkunft am Ocean Beach
hinter Golden Gate Park lernt M1k3y alias Marcus Ange kennen, Deckname
«Spexgirl»: Liebe auf den zweiten Blick. Ein Mädchen mit einer Leidenschaft für
chilischarfe Sachen und mit dem Mut zum Risiko. Die Revolte beginnt mit einem
Open-Air-Concert im Dolores Park, mit der legendären anarcho-feministischen
Punkband von Trudy Doo, die nachts mit einem gigantischen Polizeieinsatz
niedergemacht wird. Aber alle Versuche, Öffentlichkeit durch die kritische
Presse im In- und Ausland herzustellen, wird immer wieder von der DHS und ihren
Bütteln in den gleichgeschalteten Medien hintertrieben. «Sie behaupten, sie
hätten keinen Namen. Ich habe einen für sie. Nennen wir diese verdorbenen
Kinder doch Call Qaida. Sie erledigen die Arbeit der Terroristen an der
Heimatfront. Wenn – nicht falls, sondern wenn – Kalifornien wieder angegriffen
wird, werden diese Ratten genauso daran schuld sein wie das saudische
Königshaus.»
Aber die Revolte ist nicht aufzuhalten. Ein Aufmarsch des VampMobs am
Civic Center von San Francisco, organisiert von Marcus, Ange und ihrem Freunden
von der Gamer-Guerilla, läutet den Anfang vom Ende des Spuks ein …
Cory Doctorow hat seinen Roman explizit für junge Erwachsene geschrieben:
rasant, explizit, politisch aktuell. Wo sonst findet man einen Thriller, in dem
es auf fast 500 Seiten um Freiheit als individuelles Recht und
gesellschaftliches Gut geht, um Staatsmacht und verfassungsmäßige Rechte, um
Überwachungsparanoia unter dem Vorwand des «war against terror», um
Vietnamkrieg und Irak, Hippies, Yippies und Anarchisten?
Doctorow zählt in den USA zu den bekanntesten Internetaktivisten. Er ist
seit vielen jahren bei der Online-Bürgerrechtsbewegung Electronic Frontier
Foundation engagiert. Den Kampf gegen unlizenzierte Onlinekopien von Film,
Musik oder Literatur hält er für naiv und kontraproduktiv; konsequent stellt er
seine eigenen Bücher als Gratis-Download zur Verfügung. «Kopieren ist Leben,
und wer nicht kopiert, ist tot.»
Wer es nicht bis September erwarten kann, kann entweder das Buch auf Deutsch & Englisch in der Landkreisbibliothek ausleihen oder das gesamte Buch auf Englisch auf der Homepage des Autors im Rahmen der CreativeCommons-Linzenz herunterladen.