Eine linke Geschichte (OST 2008)

Die Entscheidung war schnell gefallen. Schon die Eingangsszene der "linken Geschichte" überzeugte alle Mitglieder der
Theatergruppe beim ersten Anpielen:

Zwei junge Leute treffen sich zufällig bei einer der Berliner Spaziergangsdemonstrationen und flüchten vor aufgebrachten Berlinern, "Volkes Stimme", in ein nahe gelegenes Café. Karin, der Neuling aus der Provinz, ist schockiert über die Aggression, die ihr entgegenschlägt, nur weil sie ein Flugblatt in der Hand hält. Johannes, ideologisch schon ein "alter Hase", kann ihr einiges zum "undialektischen Anti-Kommunismus der Berliner" erklären und trägt zu einer Bewusststeinserweiterung bei. Und dann kommt Lutz ins Café, ein Kommunarde, der sich nicht mehr um bürgerliche Konventionen kümmert und einen völlig neuen Lebensstil verkörpert. Er ist bereits auf einer ganz neuen, radikalen Bewusstseinsebene: "Die Literatur ist tot, Fräulein. Von der Wirklichkeit überrollt." Wie die Wirklichkeit allerdings im Berlin des Jahres 1967 noch aussieht, wird ganz schnell ersichtlich, als ihnen der Kellner klar macht, dass in seinem Café "kein Platz für Radikalinskis, und für Radaubrüder och nicht" ist.

Doch nicht nur die Geschichte selbst, drei junge Menschen auf dem Weg ins Leben und später auf dem Marsch durch die Institutionen, sondern auch durch die Sprach, die frisch und unbekümmert daherkommt und kein Blatt vor den Mund nimmt, sorgte bei den Schauspielern für einen hohen Identifikationsgrad. Hier konnten sie reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen war, und sich selbst ganz authentisch in die Gestaltung der einzelnen Szenen einbringen.

So war die Erarbeitung des Stückes von Anfang an ihr ureigenstes "work in progress". Probenarbeit war für sie ein Emanzipationsprozess und resultierte in der Loslösung von dem dramatischen Unterdrückungsapparat in Gestalt der Spielleitung. Kurzum, sie spielten immer mehr aus dem Bauch heruas und gestalteten jede Szene nach den Erfordernissen des jeweiligen Moments. Immer wieder anders, aber immer wieder gut.

Die Spielleitung konnte sich also ganz entspannt zurücklehnen und bebachten wie "Eine linke Geschichte" entstand. Fast. Meine Hauptaufgabe bestand darin, die Probenarbeit als "Zeitzeugin" zu begeleiten, mit den Schauspielern meine Erinnerungen zu teilen (Herbst 1968, als auf einmal viele mit langen Haaren und "gammeligen" Cordjeans aus den Sommerferien zurückkehrten!) und für alle möglichen Fragen gewappnet zu sein: "Was war mit dem Schah und der Soraya?" - "Wer war der Nazikanzler?" - "Was war der Unterschied zwischen der Lorenz- und der Schleyer-Entführung?" Zeitzeugengespräche als Schlüssel zur Vergangenheit.

Aber es wurde nicht nur politisch diskutiert. Man darf nicht verschweigen, dass die Schüler einen Heidenspaß dabei hatten, sich vorzustellen, wie damals der Herr Bartl (um nur einen zu nennen) "wohl drauf gewesen war", oder sich auszumalen, wie andere Vertreter dieser Generation, die mittlerweile zum Establishment gehören, "wie verrückt" auf My Generation tanzten.

Die Musik jener Zeit spielte bei der ganzen Produktion eine besondere Rolle. Sie ermöglichte einen emotionalen Zugang: Jefferson Airplan's White Rabbit, das die Schauspieler zum ersten Mal im Rahmen eines Workshops gehört hatten, fand sich zum Schluss auf jedem iPod. Und als die Band zum ersten Mal live die von ihr ausgewählten Songs präsentierte, war sich die Theatergruppe einig, dass "Eine linke Geschichte" bestimmt die coolste Produktion in der langen Geschichte des Erdinger Schultheaters war.

Abschließend möchte ich mich an dieser Stelle bei allen Beteiligten bedanken: Euer Engagement in den großen und auch in den kleinen Dingen machte - wie immer- unmögliches möglich und half die vielen Krisen (unerwartete Haarschnitte, unüberlegte Bühnenoutfits, undialektische Interpretationsansätze, unzuverlässige Gartenliegen sowie unerwarten funktionsuntüchtige Tonanlagen) souverän zu meistern.

Der größte Dank gilt aber unserem zentralen "Alt-68er", dem wir dieses Stück als Abschiedsgeschenk widmeten. Lieber Herr Bartl, was Sie in Ihrer Amtszeit für die Theatergruppe getan haben, lässt sich kaum in Worte fassen. Sie waren stets unser liebstes Publikum - am schönsten waren immer die Haupt- oder Generalproben, bei denen wir wussten: Der Herr Bartl schaut uns zu.

Margit Pfeiffer

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