Zur großen Enttäuschung des gesamten Ensembles wurde unsere diesjährige Produktion von Teilen der Lokalpresse
(genauer gesagt von der Erdinger SZ) ignoriert - ob es nun an der Qualität der Aufführung (unter dem jornalistischem Niveau?!) oder dem Thema und dem damit verbundenen Anspruch (über dem intellektuellem Niveau!?) lag, entzieht sich unserer Kenntnis. Unser Verlust? Oder ein Verlust für die Erdinger Leser? Diese Frage wurde unter den Theaterleuten durchaus kontrovers diskutiert, erinnerte man sich doch noch lebhaft an die letztjährige Kritik, in der Äpfel mit Birnen - Theaterinszenierung mit Filmversion - und junge Talente mit Hollywoodgrößen - Katharina Ross mit Ingrid Bergmann (sic!) - verglichen worden waren und in der man auch kein auf das Wesentliche reduziertes Bühnenbild, sondern lediglich eine „karge Schulbühne“ gesehen hatte.
Darum tut es gut zu lesen, dass die Journalisten der Süddeutschen Zeitung, die etwas von Theater verstehen, die Arbeit der Schultheater durchaus zu schätzen wissen. So schreibt Rainer Stephan in der Wochenendausgabe vom 7.Mai 2004 „.....unsere Professionalität wird vor allem daran gemessen, wieweit wir unser Herz aus unserem Berufsleben herauszuhalten verstehen (...) Merkwürdigerweise befällt uns gerade (...) heftige Sehnsucht nach einer Welt, in der selbst arbeitende Menschen noch mit ihren Herzen bei der Sache sind. Dass ein Theater so eine Welt sein kann, vergisst man im Theater manchmal, vor lauter aufgeblasener Professionalität. Doch im Schultheater erinnert man sich wieder daran“.
„Die mit dem Herzen bei der Sache sind“ beschreibt ganz wunderbar, wie alle Beteiligten heuer an dieses schwierige Stück und das schwierige Thema herangegangen sind. Da war nichts von der Verweigerung zu spüren, wie man sie des Öfteren von den (leider recht zahlreichen) Nicht-Zuschauern zu hören bekam: „Nicht schon wieder was über Nazi-Deutschland und Judenverfolgung! Das tu' ich mir doch nicht in meiner Freizeit an!“ Stattdessen setzten die Mitglieder der Theatergruppe sich mit dieser Zeit und ihren Menschen auseinander, lasen Bücher, schauten sich Dokumentationen und Filme an, stellten Fragen und versuchten auch selbst die Antworten zu finden.
Eine der wichtigsten Fragen war naturgemäß, wie man ein Stück über Rassenhass, Verfolgung und auch Massenmord auf die Bühne bringen kann. Wie weit kann man in der Darstellung des eigentlich Unvorstellbaren und damit Undarstellbaren gehen? Können wir, dürfen wir versuchen, die Zuschauer mit dem ganzen Ausmaß des Schreckens zu konfrontieren, um sicher zu stellen, dass sie verstehen, welche Kräfte das Leben der Charaktere auf der Bühne bestimmen?
Wir entschieden uns dafür, zu versuchen das Leben der Menschen mit der größtmöglichen Wahrhaftigkeit darzustellen und auch in der Auswahl der Bilddokumente nur zu zeigen, was auch die Menschen jener Zeit sahen - oder hätten sehen müssen.
Dass wir unserem Anspruch der Wahrhaftigkeit gerecht werden konnten, zeigte uns die Reaktion der Zuschauer, die einhellig der Meinung waren, dass es ein spannender und lehrreicher Theaterabend war. Besonders interessant waren die Gespräche mit den Zuschauern, die das Dritte Reich noch miterlebt hatten. Sie waren zum Teil erstaunt, wie viele Erinnerungen während des Stückes zurückkamen: Erinnerungen an einen Alltag, den sie längst vergessen oder auch verdrängt hatten.
An dieser Stelle gilt es nun, auf die Leistung des Ensembles einzugehen. Herausragend waren natürlich Anna Völkl und Julia Arndt, die ihre großen und schwierigen Rollen in beeindruckender Manier bewältigten. Ihnen gelang, den wachsenden Leidensdruck darzustellen, ohne jemals in Larmoyanz oder Sentimentalität abzugleiten.
Nicht weniger beeindruckend waren die anderen Schauspieler, die alle mehrere Rollen zu gestalten hatten und dabei im wahrsten Sinne des Wortes von einem Extrem ins andere verfallen mussten, wie z.B. von Nazi-Bürokrat zu KZ- Häftling, oder SPD-Funktionär zu Gestapo-Handlanger. Leider kann ich an dieser Stelle leider nicht alle übrigen Mitglieder des Ensembles namentlich erwähnen, aber das ist vielleicht auch nicht nötig, da das Wichtigste die Ensembleleistung ist, die am Ende der gemeinsamen Arbeit an der Inszenierung steht.
Während Schauspieler und Regie schon seit Oktober gemeinsam geprobt hatten, stieß die Musik erst gegen Weihnachten dazu. Gewohnt souverän erarbeitete Gerhard Völkl mit den Schauspielern die Lieder, brachte es wieder einmal fertig, ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass jeder singen kann. Und jeder, der eine der Aufführungen gesehen hat, kann bestätigen, wie sehr zum Schluss alle davon überzeugt waren, singen zu können...
Hier möchte ich nun auch die hervorragende Arbeit der Musiker zu würdigen, die sich nicht nur darauf beschränkten, die Schauspieler bei ihren Songs zu begleiten, sondern auch selbstkomponierten Jazz von Feinsten beisteuerten. Danke, Max und Felix!
Da ich gerade bei den Danksagungen bin, möchte ich mich auch bei meiner Technik und Inspizienz bedanken, die auch bei diesem Stück dafür verantwortlich waren, dass Erst-Zuschauer vor allem von der Präzision der Abläufe und der Professionalität der gesamten Bühnentechnik beeindruckt waren. Meine liebe K 13, die ihr mir von Anfang an treu und loyal zur Seite gestanden seid, ich werde euch sehr vermissen!
Geneigter Leser, mir ist wohl bewusst, dass dieser Beitrag etwas aus dem Ruder gelaufen ist, eine gewisse Eigendynamik entwickelt hat. Doch dies entspricht eigentlich der Theaterarbeit, wie wir sie mögen: Wir sind ganz offen für Entwicklungen, lassen uns von unseren Eingebungen und Inspirationen leiten und irgendwie rechtfertigt dann das Resultat das Vertrauen, das ich in meine Schauspieler, meine Schauspieler in mich und wir alle in die Technik setzen.
Vielen Dank.
Margit Pfeiffer