Dieses Jahr setzte die Theatergruppe der Mittel- und Oberstufe Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ auf ihren Spielplan. Die Vorbehalte, die auf Seiten der Spielleiterin anfänglich durchaus vorhanden waren („Das kennt doch jeder! Brauchen wir denn wirklich die x-te Aufführung auf einer Schulbühne?“) verschwanden schnell, als sich bereits bei der ersten Leseprobe herausstellte, in welch hohem Maße dieses Stück die jungen Leute in seiner Thematik und sprachlichen Gestaltung ansprach. Der gallenbittere Humor und die grotesken Elemente in der Behandlung von ernsthaften Grundfragen menschlicher Existenz stießen in der Gruppe auf spontane Zustimmung und Begeisterung. Auch die Besetzung bereitete wieder einmal keine größeren Probleme, da die Vorstellungen von Schauspielern und Regie weitgehend übereinstimmten.
Natürlich mussten wir uns dann im Laufe der bedenklich kurzen und deshalb sehr intensiven Probenarbeit mit vielen Fragen und Herausforderungen auseinander setzen. So wurde in langen Gesprächen die Beziehung zwischen Claire und Alfred gründlich diskutiert- die beiden müssen sich wie in einer Paartherapie mit der Regisseurin als Therapeutin gefühlt haben! Aber auch bei der Gestaltung der kleineren Rollen musste sich jeder Schauspieler über die psychologische Entwicklung „seiner“ Figur im Klaren sein. Jeder Einwohner von Güllen musste unter anderem für sich festlegen, zu welchem Zeitpunkt er sich in das vermeintlich Unvermeidliche fügt und „reinen Herzens“ den neuen Wohlstand genießt...
Die größten Sorgen bereiteten uns aber zunächst die Äußerlichkeiten. Wie alt muss die „alte“ Dame sein? Wie stellen wir den wachsenden Wohlstand der Güllener dar? Wie handhaben wir die vielen Szenenwechsel im 2. Akt? Wie können wir den Ill zu Tode kommen lassen, ohne zum Ende des Stückes in eine unfreiwillige Komik abzugleiten?
Doch all diese Probleme lösten sich irgendwann. Wir Frauen in der Truppe stellten z.B. fest, dass es sich bei Claires Erfahrung um eine Erfahrung handelt, wie sie eine Frau jeden Alters machen kann und dass ihre Gefühle für eine jede von uns nachvollziehbar sind. Das Alter ist nicht wichtig. Das Gleiche gilt auch für ihre Beziehung zu Ill: Wir haben es hier mit einer Beziehung zwischen Mann und Frau und nicht zwischen „altem Mann und alter Frau“ zu tun.
Bei der Vorbereitung der ersten Wochenendprobe Anfang Dezember fanden wir dann auch ein Konzept für die Bühnengestaltung. Wir einigten uns auf eine sehr karge reduzierte Bühne mit vielen Ebenen, auf der schon kleinste Detailveränderungen große Signalwirkung haben würden. Die schnellen Szenenwechsel des 2. Akts bewerkstelligten wir, indem wir die fünf verschiedenen Schauplätze auf den gesamten Bühnenraum verteilten. Auf diese Weise konnten wir auch sehr gut räumlich dieses Stationendrama darstellen: Bei seiner verzweifelten Suche nach Hilfe durchläuft Ill im wahrsten Sinne des Wortes sämtliche Instanzen.
In einer der nächsten Wochenendproben (Sie sind so wichtig!) schlug dann die Lichttechnik vor, im ersten und dritten Akt mit Projektionen zu arbeiten, um für einzelne Szenen den entsprechenden optischen Hintergrund zu liefern. Als dann in den ersten Szenen tatsächlich die Züge in den Bahnhof von Güllen einfuhren, schlug ich, von einem Anfall kreativer Hybris überkommen, vor, doch auch den Autoausflug der Familie Ill mit bewegten Bildern zu hinterlegen, ähnlich wie es im Film mittels der „blue box“ geschieht. Diese Idee, wenn auch nicht unbedingt ernst gemeint, stellte für die Jungs von der Technik endlich eine echte Herausforderung dar, sie investierten unzählige Arbeitsstunden und bastelten bis zur Premiere an der optimalen Präsentation, die dann wirklich sehr gelungen war.
Ein ähnlich hoher Arbeitsethos zeichnet auch die Tontechniker aus. Im vierten Jahr unserer Zusammenarbeit reicht es mittlerweile, die entsprechenden Stellen im Text zu markieren und ein vages „Da könnte man vielleicht...“ in den Raum zu stellen, um sicher zu gehen, dass ich genau das bekomme, was ich möchte.
Aber nicht nur die Technik freute sich über Herausforderungen, bei denen sie ihr Können unter Beweis stellen konnte. Auch die Inspizienz hatte die Logistik für den Ablauf auf und hinter der Bühne voll im Griff. Generalstabsmäßig plante sie jeden Umbau, stöhnte viel über die Massen von Schauspielern, die auf der Bühne im Weg standen, und freute sich insgeheim darüber, dass sie wieder einmal so richtig viel zu tun hatte!
Nun noch ein Wort zu den Schauspielern. Die Leistungen Einzelner wurden ja bereits in der Lokalpresse gewürdigt und müssen an dieser Stelle nicht weiter herausgestellt werden. Ich möchte mich stattdessen noch einmal bei allen meinen Schauspielern bedanken, die monatelang zweimal die Woche zu den Proben kamen und ohne Murren mindestens einmal die Woche schwierige Massenszenen durchstanden, bei denen die meisten von ihnen keinen Text hatten, aber trotzdem während der ganzen Szene präsent und konzentriert zu sein hatten und an den richtigen Stellen Beifall spenden mussten. Bewundernswert, wie sie auch noch eine Woche vor der Premiere Geistesblitze und plötzliche Inspirationen der Regie akzeptierten und umsetzten. Auch die Neulinge hatten sehr schnell kapiert, dass Sätze wie „Ja, aber bei der letzten Probe hatten wir doch....“ nicht unbedingt zu unserem Standardrepertoire gehören!
Wirklich schade, dass sehr viele von ihnen nächstes Jahr nicht mehr dabei sein werden, wenn es wieder heißt: „Wir könnten doch...“
Zum Schluss noch einige Danksagungen: Ein Dank den Musikern, die unsere Ideen so kongenial umsetzten und unsere Arbeit bereicherten. Dank aber auch an unser Publikum, für das wir spielen und dessen Lob und Kritik für uns das Wichtigste sind.
Margit Pfeiffer