Die entscheidende Frage, die sich zu Beginn einer jeden
Spielzeit für die Spielleiterin stellt, lautet nicht „Welches Stück
spiele
ich“, sondern „Welches Stück kann ich besetzen?“.
Doch dann passiert es bisweilen, dass sich diese Frage wie von selbst erledigt, dass man „seine“ Schauspieler bei der ersten Lektüre des Stückes in „ihren“ Rollen vor sich auf der Bühne sieht. So erging es mir letzten Sommer:
Max wird den Butler geben. Würdevoll, leicht behäbig, durch (fast) nichts aus der Ruhe zu bringen. Nina ist die ideale Gesellschafterin. Mangelnde Altjüngferlichkeit und Hässlichkeit, wie sie das Stück fordert, macht sie locker durch ihre naturgegebene Traumduselei mit gelegentlichen Hysterieschüben wett. Gina stellt das ideale Pendant zu Nina, der Seelenverwandten, dar: genau so blond J, genauso überdreht. (Zudem ist sie durch ihre eigene langjährige Balletterfahrung für die „Ballettmama“ prädestiniert.) Katharina hingegen muss einfach das „Ballettmädchen“ sein. Sie ist ja selbst Tänzerin, und außerdem irgendwie eine Isabelle.
Für Kai bietet das Stück die beste Rolle seiner langen Laufbahn- ein irgendwie sinistrer Typ (Spekulant und „Natur- und Kunstliebhaber“) mit unlauteren Absichten, der dann aber doch lieber den (leider tugendhaften) Weg des geringsten Widerstandes geht. Florian qualifiziert sein erstklassiges Stilgefühl (Hugo Boss auf der Bühne!) für die Rolle des gutaussehenden und charmanten Liebhabers aus erstklassigem Hause. Das Quäntchen Leidenschaft, das ihm dabei abgeht, macht die Sache für Anne („..you sexy thing“) schwierig, aber nicht unmöglich. Wer sonst, wenn nicht sie, könnte in Florian die Glut des Tangos entfachen?
Unsere höhere Tochter im Stück muss ebenso kapriziös, aber blond sein. Eine, die die härtesten Kerle um den kleinen Finger wickelt- Caro eben. Ihre Erziehung wiederum kann man einfach nur Frank anvertrauen, der in unvergleichlicher Manier durch das Hinaufziehen einer einzigen Augenbraue Autorität ausstrahlt. Außerdem kann ich mich bei ihm darauf verlassen, dass er standesgemäß mit gut sitzendem Anzug und geputzten Schuhen auf der Bühne stehen wird!
Auf geputzte Schuhe werde ich mich bei René nicht verlassen können, aber auf seine Ausstrahlung. Etwas linkisch, aber liebenswert. Ihn muss frau einfach an die Hand nehmen und auf den rechten Weg bringen. So wie es Jessica dann auch tut. Sie hat das Format, auch im Rollstuhl den Überblick zu wahren und eine äußerst schwierige Rolle ( eine ca. 80jährige „Zicke“) zu gestalten, ohne dabei halbtot zu wirken (Mme Desmemortes).
Und so stand dann im Einverständnis mit der Truppe die Rollenverteilung nach der ersten Leseprobe fest (und noch nie tummelten sich so viele talentierte Schauspieler in einer lediglich tanzenden Ballgesellschaft!). Das einzige Problem war die Besetzung des Horace, der (heimlichen) Hauptrolle. Dies lösten wir aber auf altbewährte Weise. Denn wenn es bei uns heißt, „Kann mal jemand...“ ist immer die Inspizienz gemeint und fühlt sich auch angesprochen. Und so sprang dann auch Mani als einziges männliches Mitglied der Inspizienz ein und meisterte die ungewohnte Aufgabe bravourös, wie wir es eben von unser gesamten Technik gewohnt sind.
Sein größtes Verdienst liegt jedoch in der positiven Rückmeldung, die er mir am Premierenabend während der Pause erstattete: „Theaterspielen ist so geil, es ist wie ein mentaler ...“ Wie es nun genau ist, lieber Leser, liebes Publikum, sei Ihrer Phantasie überlassen. Wir von der Theatergruppe können ihm nur beipflichten und hoffen, dass Sie bei unserer „Einladung ins Schloss“ von Jean Anouilh genauso viel Spaß hatten wie wir!
Margit Pfeiffer